March 7, 2019

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,..."    Hermann Hesse

Und ist der Anfang weg, schauen uns Alltag und Gegenwart ins Auge – von Angesicht zu Angesicht.

Hier hingegen musste der Zauber erst wachsen: War anfangs ein schlichtes beschichtetes Brett auf einem Podest im Kirchturm, gedacht als Tritt für Leute, um ans etwas zu hoch gebaute Fenster zu reichen und den Blick in die Ferne gehen lassen zu können. Für bessere Aussicht (nicht: Aussichten). Da reiben und bilden sich Fusstritte ab, sie gleichen Köpfen. Kopffüsslern. Der Zauber wohnt der Dauer inne. 

Es ist ein besonderes Geschenk, beim Höhersteigen und Weitersehen an Bildern zu schaffen. Die Spuren, die man als Einzelner legt, scheinen unbedeutend – und sind es doch nicht. 

So steigen wir auf den Tritt, neugierig, in die Ferne zu schauen. 

"Wir werden ja sehen, was wir sehen."   W.C. Röntgen

Und gestalten dabei unsere Welt. 

January 6, 2019

Was ist in diesem Bild meine Rolle? Ich sah es, und ich fand es stark – starkes Licht, starke Schatten, starke Kontraste. Starkes Thema: Zusammen auf ner Sitzbank.

Bin ich Teil des Bildes, bin ich hier auch Schatten? Nein, ich bleibe draussen. Bin Chronist.

Draussen bleiben beim Bäcker:

Und noch eins. Draussen bleiben – und drin sein zugleich:

September 27, 2018

Für einen Augenblick leckt Abendsonne Zauber an den farblosen Bau. Muss aber gleich weiter, wie immer, kann nicht bleiben; Licht hat keine Zeit. 

Aber Zeit hat Zeit:

...

und an den Häusern

leckt die Zeit

und bleibt

...

Gerhard Meier 

June 13, 2018

Wir fallen als Schnee, bleiben ein Weilchen liegen, werden auch etwas grau dabei, belegt, nehmen Form an, wechselnde Form, verlieren uns wieder ins Blaue.  

Worin liegt aber der Sinn des Vorübergehens auf dieser Welt? Wichtig sein, und unwichtig auch. Form annehmen und Form ablegen. Etwas Feuchte spenden vielleicht für einen grünen Fleck im kommenden Frühjahr, oder für zwei. Und dem Blauen dann wieder zur Farbe verhelfen. Oder?

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May 20, 2018

"... und der See stilles Wehen ist wie singendes Flehen auf dem Platz mit den Bäumen..."

Einfach schön, die Worte. Der Satz von Witold Gombrowicz auf der Seite 221 von etwa 1039 trägt das Wehen an all den schweren und schwierigen Momenten, die am Wegrand aufragen, mit Eleganz (nicht: mit der Allüre von Eleganz) vorüber. Berührt sie, krümmt sie aber nicht. 

Ähnelt den leichten Fussspuren am Ufer, neben leisen, schwäppelnden Wellchen: Die beeinflussen alle den Gang der Welt nicht, sie machen ihren eigenen Hauch und legen eine andere Spur. Ein stilles Wehen eben. Leicht auftreten, dann wieder ab-.

January 11, 2018

Die Schönheit ist am grössten da, wo sie sie sich entzieht. 

(Jedes weitere Wort hier, jede zusätzliche Parole lebt von Schönheit, zieht sie heran und nimmt ihr was weg. Dieses Bild aus Icelands vorvorigem Sommer will nur Schönheit sein, Schweigen, Gold.)

December 8, 2017

"Das Was bedenke,

doch mehr bedenke Wie."

J.W. von Goethe

Ein Abweichler macht nach der Landung sichtbar von sich reden.

Die Rede lautet: Oder ists ganz normal, und wir habens bloss noch nie so wahrgenommen? Und die Welt wäre dann voller ganz normaler Abweichungen?

Und normal wäre nichts, und nichts wäre alles, und alles normal? 

October 10, 2017

"Es gibt nur wenige Wahrheiten im Leben". sagt ein alter Tenor, zitiert von Cees Nooteboom.

Ich kenne sie nicht alle, so wenige es auch sind. Ja, ich kenne überhaupt keine. Es gibt sie wohl gar nicht. Wahrheit hätte zu viele Seiten, sie liesse sich nicht fassen. 

Im Streben aber, eine zu finden und zu erkennen, treiben wir durchs Leben. Wir geben niemals auf und wollen sie finden, und wir möchten die Grösse haben, sie zu erkennen. So bauen wir Grösse auf, wie etwa hier auf Iceland Roni Horn einen Wald, eigentlich eine Kathedrale aus glasklaren Säulen, gefüllt mit diversen Gletscherwassern. Und mit deren Sedimenten, die sich in unterschiedlichen Buntheiten am Grund ablagern. In jedem Moment, in jeder Tages- und Jahreszeit zeigen sie im Licht des Augenblicks eine Wahrheit anders – niemals fassbar, immer flüchtig. Und doch immer da. Ein Spektakel eigentlich, ein stilles.

 Sedimente und Licht in Säulenfüssen.

October 8, 2017

Schläft ein Lied in allen Dingen

die da träumen fort und fort,

und die Welt hebt an zu singen,

triffst du nur das Zauberwort.

Josef von Eichendorff

Mein Spiegelbild verbindet sich hier, auf Iceland, mit dem Blumenstrauss hinter der Scheibe. Die Beiden verbinden sich im Glas, und sie verbinden sich noch einmal auf dem Speicherchip (in der Kamera drin und in der Blumenvase, schön verborgen). Zudem hier auf dem Bildschirm und dann noch im Kopf der Betrachter – wo sie Wirklichkeit werden.

Da hebt sie zu singen an, die Wirklichkeit.

September 28, 2017