Ruhe und Aufruhr

August 2, 2019

 

 

 

 

Ich sitze am Pool und schiesse ein Bild vom Vordach. Es spiegelt sich im Wasser. Im Weichmacher. Morgens im glatten Wasser liegt es flach und schön.

In genau der Sekunde beginnt die Poolreinigung. Der Motor kommt in Gang. Eine erste Welle nimmt Schwung auf. Der Kubus zerfleddert.

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Ich liebe Reflexionen und optische Wechselspiele, daher wohl war ich empfänglich für diesen Spektakel. 

"Die Gewöhnlichkeit ist nie gekonnt und nie brillant, sondern eben gewöhnlich. ... Es ist etwas Paradoxes, dass gerade ein Kunstwerk, um dieses grosse Wort in den Mund zu nehmen, letztlich das Gewöhnliche selber ist." 

So sagt es Gerhard Meier, der sich da allerbestens auskennt. 

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Ich spaziere unfokussiert durch Gegenden, verträumt wohl – es sei denn, ich habe mir einen Ruck gegeben und beschlossen, auf die Realität(en) um mich herum besonders zu achten. Dann können fotogene Momente kommen, und manchmal kommen sie auch, kommen aus dem Gewöhnlichen und ragen ins Ungewöhnliche. 

Mich interessiert nicht, was andere oft fotografieren: "Sehenswürdigkeiten". Mich interessiert die Rückseite des Mondes, auch wenn sie nicht anders aussieht als die Vorderseite. Sie sieht eben dann doch anders aus, ungewohnt. Mich interessiert ein verlorenes Taschentuch vor dem Brokatvorhang, da wird das Ungewöhnliche zum Gewöhnlichen – und auch das Gewöhnliche zum Ungewöhnlichen, und ich kann sie gar nicht mehr unterscheiden und zuordnen. 

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Im Übrigen schaffe ich, als Maler, nicht Neues mit geläufigen Mitteln, sondern allenfalls Geläufiges mit neuen Mitteln, im Experiment also. Ich möchte keine verrückten, künstlichen Gebilde erstellen, sondern ich möchte im unkonventionellen Verfahren ganz gewöhnliche Motive finden, die dann aber doch das Besondere enthalten und verkörpern, weil sie sich eben nicht einfach dem Willen zur Form verdanken, sondern weil sie geschenkt sind. Eine ganz gewöhnliche Horizontlinie etwa kann geschenkt sein, wenn sie nicht einfach übers Blatt gezogen, sondern befreit wurde. Befreit: aus einer Vielzahl möglicher Verläufe als einziger sichtbar geblieben. Bleibend. 

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Ist es geschenkt, wenn beim Erhalten der Schweiss triefte? Ja, wenn er dann doch noch eintraf, der Strich, der bleiben darf und kann. Der Horizont, die klare Linie. Wenn Aufruhr sich legt, wenn Ruhe wieder einkehrt.


 

 

 

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