Konrad Tobler

 

Es ist kein Zufall, dass es auffällt, dass Filip Haag ein Künstler ist, der dem Zufall vertraut. Von dieser Gelassenheit, wie diese Haltung umschrieben werden könnte, spricht auch der Titel der Ausstellung: „Es kommt. Es bleibt. Es geht." Selbstverständlich könnte man, davon ausgehend, von eine Lebenshaltung sprechen, die sich in diesem prägnanten Titel niederschlägt. Es kommt, wie es kommt. Es bleibt, wie es bleibt. Und es geht, wie es gekommen ist. Der antike griechische Naturphilosoph Demokrit hat das auf seine spezielle Weise ausgedrückt: „Heftiges Streben nach einem Ziel macht die Seele für alles andere blind."
Das heisst aber: Wer den Zufall zulässt, sieht mehr. Und in diesem Mehr-Sehen zeigt es sich, dass da nicht der Zufall am Werk ist, sondern ein genaues Schauen. Der Zufall in der Kunst ist also eine vertrackte Grösse - von Marcel Duchamp über die Dadaisten bis hin zu Jackson Pollock. Denn Künstler, die den Zufall als Werkzeug benutzen, müssen genau wissen, auf was sie sich einlassen. Und so kann der Zufall als künstlerische Strategie, als Konzept und somit wiederum nicht als zufällig bezeichnet werden. Dazu der Kunsttheoretiker Hans Ulrich Reck: „In der Kunst gibt es nicht Zufall, nur Überlistungsstrategien, die dem als Zufall erscheinen, der sie als Listen noch nicht zu durchschauen vermochte."

Leonardos guter Ratschlag
Auf einen ganz Grossen der Kunst kann sich berufen, wer den Zufall anruft: auf Leonardo da Vinci. Dieser schrieb in seinem „Traktat über die Malerei": „Achte diese Meinung nicht gering, in der ich dir rate, es möge dir nicht lästig erscheinen, manchmal stehen zu bleiben und auf die Mauerflecken hinzusehen oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in den Schlamm und auf andere solche Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen zu ihnen entdecken. Denn des Malers Geist wird zu solchen neuen Erfindungen durch sie angeregt."
Filip Haag ist ein solcher Erfinder, ein listiger zumal. Wer seine Werke - gleich um welche Technik es sich handelt - genauer ansieht, entdeckt zuerst einmal einen Kosmos voller räumlicher Tiefe, Kosmen, die sowohl in das Mikro- als auch in das Makrokosmische reichen - von Zellen also bis ins All. Fast hat man das Gefühl, in diesen Flüssen, Fliessungen, Verwerfungen, Ballungen, Ex- und Implosionen entstehe auf jedem Bild, in jeder Zeichnung, mit jeder Skulptur eine neue Galaxie oder, umgekehrt, eine neue Zellordnung, die sich aus sich selbst hinaus weiterentwickeln könnten.
Und man denkt an Atome, an schwirrende Partikel - weswegen der Verweis auf Demokrit ebenfalls kein zufälliger ist. Denn Demokrit steht in der Geschichte da als Frühdenker des Atomismus, des Materialismus, in dem Teile und die seiende Leere nach bestimmten Gesetzen miteinander in einer Relation stehen.

Materialistische Kunst
Also: Haag ist ein materialistischer Künstler, der den Eigengesetzlichkeiten der Materie vertraut - eben weil er sich ganz genau kennt und weil er weiss, welche Materie mit welcher welche Reaktionen auslöst. Und so ist diese Kunst nicht nur eminent materialistisch, sondern auch prozessorientiert. Nicht zufällig heisst eine von Haags Techniken „fotochemische Malerei". Der Künstler selbst beschreibt diesen Prozess: „Ohne etwas darstellen zu wollen, giesse und streue ich flüssige und feste Chemikalien auf ein lichtempfindliches Papier. Im Licht verfärbt sich dieses in einer Art und Weise, die ich kaum kontrollieren will und kann. Es ist wohl ein ähnlicher Prozess - wenn auch in 2, nicht in 3 Dimensionen, wie sich die Welt erschuf und gestaltet: Verfestigung und Erosion in Zufall und Widerruf. Nach Minuten oder Stunden ist der Prozess beendet."
Ähnliches, fast alchimistisches, vollzieht sich bei den Tuschezeichnungen. Denn hier lässt der Künstler zuerst die mit Sprit vermischte Tusche fliessen - ein Fluss, der auch von der Beschaffenheit des Papiers abhängt -, dann zündet er das Bild an, ruft das Element des Feuers auf, flambiert das Bild nach allen Regeln der Kunst. Und wieder ist eine Welt entstanden. Allerdings: Haag ist ein gestrenger Schöpfer. Nicht jeder seiner Schöpfungen gibt er eine Zukunft. Da wird genau hingeschaut, werden Formen entdeckt, da wird ausgewählt und da werden Ausschnitte hervorgeholt nach Prinzipien der Komposition, nach Kriterien der Formungen. Eben: Es kommt - und es geht.
Ähnlich bei den Skulpturen, die der Ausstellung den Untertitel gegeben haben: „Thunersee Gebilde". Hier verbündet sich der Künstler mit dem Element des Wassers. Hier hilft ihm der Thunersee bei der Arbeit: Flüssiges Paraffin wird ins kalte Wasser geschüttet, es erstarrt nach eigenen Gesetzlichkeiten und gemäss der atomaren Struktur. Nur leicht formt der Künstler da und dort etwas mit, indem der die Masse mehr oder weniger ins Wasser drückt. Die so entstandenen Gebilde werden dann nach traditioneller Manier in Bronze gegossen und patiniert - ein letzter chemischer Prozess, dessen Endzustand nicht genau vorhersehbar ist: Je nach Witterung und Lufttemperatur verändert sich die Oberfläche.

Der Zufall ist nicht zufällig
Man sieht also: Der Zufall ist kein zufälliger bei Filip Haag. Er ist das Resultat von Versuchsanordnungen und von Erfahrung - und schliesslich von Neugierde darauf, was Neues entstehen könnte. Diese lenkt ihn auch beim Zeichnen, das aber für jedes einzelne Blatt stunden-, wochen-, ja monatelange Arbeit bedeutet. Hier ist das Konzept das folgende: Der Künstler setzt sich vor das berühmte weisse Blatt, nimmt den Telefonhörer, spricht, konversiert und organisiert - und lässt dabei wie nebenher seiner Hand freien Lauf. Die Zeichnung entsteht also sozusagen als ein Nebenprodukt, neben dem Denken und dem Sprechen. Zufall pur? Wohl kaum, denn das Auge wandert auch hier mit, verfolgt, was geschieht. Das Auge ist, wie auch bei der Entstehung der grossformatigen Gemälde, ein Schüler Demokrits - „heftiges Streben nach einem Ziel macht die Seele für alles andere blind."
Deswegen auch muss noch auf einen weiteren Aspekt im Schaffen von Filip Haag hingewiesen werden: So sehr er sich mit seiner Materie beschäftigt, so sehr reizen seine Werke die Fantasie. Es sind offene Kunstwerke, die geistige und intellektuelle Räume öffnen. Davon erzählen die Titel, die in unbekannte Welten entführen: „ZALMALA", „QATAPOL" oder „VLANZO".

Filip Haag - „Es kommt. Es bleibt. Es geht. - Die Thunersee Gebilde"

Ausstellung im Kunsthaus Interlaken, 2009

 

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