Michael Krethlow   Das Laboratorium

 

Es ist auffallend, dass Haags Methodik ausserhalb der sonst üblichen künstlerischen Praxis steht. Sein Umgang mit Tusche und Fotografie entspricht nicht den handwerklichen Regeln der Kunst. Die wissenschaftsähnlichen Experimente, die er zur Gewinnung von Bildern auslöst, versetzen ihn bisweilen in eine passive Rolle, denn die Chemikalien übernehmen vorerst den Gestaltungsprozess. Sie erzeugen das Werk in einem natürlichen Akt und übergeben dem Künstler ein Produkt, das selbst wie ein Stück Natur einen motivischen Fundus in sich birgt. Haag, der immer die auslösende Kraft des Prozesses bleibt, führt uns an den Wesenskern der Genese. Die chemischen Substanzen und das Feuer agieren nach Gesetzen, die wir voraussetzen müssen, um die Existenz der Dinge erklären zu können. Haag bedient sich nur einer kleinen Menge chemischer Elemente, die aber schon genügt, um Bildräume zu erzeugen, die sein Werk in idealer Weise speisen. Die gegenständlichen Formen, die er darin findet, erscheinen wie ein Beweis für ein gestalterisches Urprinzip, ihre Entdeckung durch den Künstler dagegen verdeutlicht das kreative Verlangen des Menschen, in chaotischer und fluider Materie nach Formen zu suchen, die ihm vertraut sind. Haag gelingen vereinzelt Bilder, die so real erscheinen, dass wir dazu neigen, sie als fotografische Abbilder zu lesen. Einige fotochemische Landschaften täuschen uns Strände oder Ebenen vor, an die wir uns vielleicht zu erinnern glauben. Das Laboratorium, aus dem sie hervorgegangen sind, bedient sich aber der menschlichen Imagination, die Ergebnisse sind Utopien und keine Interpretationen der wirklichen Welt. Es sind virtuelle Räume... Manchmal sind es karge Urlandschaften, deren freigelegte Erdkrusten und deren Krümmungen der Schichten wie Querschnitte einer Gebirgslandschaft anmuten. Oder es sind weiche Hügelmassen, in denen alles ineinander überfliesst und eine tektonische Bildung erst im Entstehen zu sein scheint. Einige fotochemische Landschaftsbilder zeigen derart effektvolle Spektren des Lichtes und der Farben, dass wir uns in einem Kosmos fern von der Erde aufzuhalten glauben. Doch all dies sind Assoziationen, mit denen uns Filip Haag in Räume lockt, deren eigentliche Kraft sich in der Imagination des Betrachters entlädt. Es sind metaphysische Orte, wo das Werden zum Gegenstand des Bildes wird und wo im Moment, da Haag den Entstehungsprozess unterbricht, die Genese ihren schönsten Ausdruck angenommen hat. So wird die Zeit zum sichtbaren Teil der Arbeit. Die Formen sind ihr unterworfen...

Wie im Zeitraffer entstehen die Bilder, und der Verlauf ihrer Entwicklung ist abhängig von der Wahl der Substanzen, von der einwirkenden Lichtmenge und der Regie des Künstlers... Gewisse Grundstrukturen der Vorgänge sind Haag vertraut, das Resultat dagegen überrascht ihn immer neu. Wo solche Überraschung ausbleibt, da wächst das Verlangen, wieder neue Elemente, Prozesse und Verfahren ins Spiel zu bringen.
in: "Filip Haag . Nolens volens"   2002

 

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