Ins Auge

„Präzise Daneben“, lautet das Motto des Berner Künstlers Flip Haag. Einige seiner Werke waren unter dem Titel „Ins Auge“ vom 23.2. - 1.4. in der Galerie Bernhard Bischoff im PROGR zu sehen.

Fehler sind der Weg zu etwas, was über unserer Vorstellung liegt. Der Künstler Filip Haag will nicht exakte Ideen in die Tat umsetzten sondern, dass Zufall und Missgeschick etwas entstehen lassen, das niemand mit Absicht erschaffen könnte. „So bleibt das Malen ein Abenteuer.“

 

Norina Escher

Simon Lantsch

 

Der Wind weht, die Bäume tanzen und wenn die Leute ihre Häuser verlassen, nehmen sie vorsichtshalber einen Regenschirm mit.

Ein Blick durch die Scheibe verrät, dass bereits vor dem offiziellen Beginn der Vernissage einige Menschen eingetroffen sind. Laut fällt die schwere PROGR-Holztür zu. Die kalte massive Bauweise des Gebäudes erinnert an seine Vergangenheit als Schulhaus, nur sind die Kinder erwachsen und erhalten statt dem Pausenapfel ein Glas Wein.  Das Foyer füllt sich immer mehr. Einige Besucher kämpfen sich durch die plaudernde Menge, wobei sie hie und da ein Gespräch unterbrechen, um dann endlich einzutreten, in die Galerie Bernhard Bischoff.

 

Diese fördert schon immer Gegenwartskunst, erst in Thun, seit 2005 dann in Bern. Im PROGR, einer der  wichtigsten Kulturstätten der Stadt, hat  die Galerie einen Raum gefunden, der das optimale Ausstellen und Einbringen der Arbeit von Zeitgenössischer Kunst ermöglicht.

 

Kunst - Spiegel jeder Persönlichkeit

Mit dem Schritt durch die Tür taucht man ein in einen Raum voller Selbstreflexion, in dem jeder anders sehen kann.

 

„Mich interessiert, dass jeder, der das Bild oder die Skulptur  anschaut, eine eigene Assoziation aufbaut.“  -Filip Haag

 

Offene Motive lassen Platz für eigene Interpretation. Je unklarer die Aussage eines Werkes ist, desto mehr kann man darin über sich selbst lernen. Schwarze Formen auf weissem Untergrund - die abstrakten Figuren auf dem Tisch sehen aus wie ein dreidimensionaler Rorschachtest. Filips Kunst löst keine Gefühle aus. Viel mehr regt sie einem zum Assoziieren und Fantasieren an. „Ich möchte sie am liebsten anfassen.“, betont ein älterer Mann, als sie ihm ins Auge stechen.

 

Ins Auge stechen:

auffallen; nicht zu übersehen sein

 

Ein paar Menschen gehen umher, betrachten, beobachten und assoziieren die Figuren auf ihre eigene Weise. Die zwei

„Das spannendste finde ich bei der Arbeit in Stimmungen einzutauchen, so dass ich alles rundherum vergesse.“ : Filip Haag in der Galerie Bernhard Bischoff.    Foto: Norina Escher

 Ausstellungsräume füllen sich immer mehr und es mischen sich die Düfte verschiedener Parfums in der Luft. An einer Wand hängen Unmengen verschieden grosser Bilder. Eine Sammlung vieler winziger Köpfe und Landschaften, die eigentlich doch keine sind. Kleine Farbflächen, die an bekanntes erinnern. Gegenüber  zwei riesige Bleistiftzeichnungen, die aus tausenden, winzigen Linien bestehen. Eine Landschaft aus Bleistift, in der eine Wüste etwas weiter rechts zum reissenden Fluss wird und sich die Perspektiven verschieben.

Es scheint, so viele Striche zu zeichnen, müsse doch öde werden. Doch Filip Haag meint: „Ich kann zwei Stunden lang winzige Striche auf ein Papier zeichnen und es wird mir weniger langweilig, als wenn ich einem Film schaue.“

 

Geschäftiges Treiben

Das Fenster steht offen, doch der kühle Wind wird schnell von der hitzig diskutierenden Menschenmasse erstickt. Die Gespräche und das Rauschen der Stadt vereinen sich im Raum, so dass sich kein einzelnes Wort mehr identifizieren lässt. Schritte führen aus dem Raum, draussen tauchen Menschen kurz aus dem Überfluss an visuellen und akustischen Reizen  auf. Schritte führen zurück hinein und werden schnell gestoppt. Bewusst gekleidete Menschen wandern, die Preisliste in der Hand, langsam von Werk zu Werk. Polierte Anzugsschuhe stehen sich gegenseitig im Weg. Dazwischen irgendwo gewöhnliche Turnschuhe, getragen von dem, der all das zum Kauf Angebotene, erschaffen hat. Doch Filip geht es bei der Kunst keineswegs ums Geschäft. Es steckt Leidenschaft dahinter und beim Arbeiten denkt er nie an den Ertrag.

 

„Man muss Kunst für sich selbst machen.“ -Filip Haag

 

Ins Auge fassen:

sich dazu entschliessen,

etwas Bestimmtes zu tun   

 

Ein Künstler ohne Ideen

Weil die meisten Künstler ein bestimmtes Ergebnis ins Auge fassen, wird  Kunstschaffen oft begleitet von Erwartungen. Der Berner Künstler entschliesst sich aber Hand in Hand mit dem Zufall zu gehen. Anders als ein Fotorealist, der von Beginn an schon weiss, wie das Resultat seiner Arbeit aussehen wird, verlangt sein Werk mit jeder neuen Linie nach einem anderen Ergebnis. Es wächst langsam wie der Spross zu einer Blume, die er selbst noch nie gesehen hat. Er ist ein Künstler ohne Ideen. Seine Arbeit lebt vom Spontanen, von dem, was man nicht planen kann. Plötzlich kommt etwas Neues hervor, das besser ist, als alles, was man sich hätte ausdenken können. Auch beim Formen der Skulpturen, welche durch giessen von Wachs in ein Flussbett entstehen, spielt er mit dem Zufall. Doch kann man Zufälle absichtlich verursachen?

„Beabsichtigte Entscheidungen führen zur Veränderung des Zufalls.“, äussert sich Haag. Ob er den Wachs in einen Fluss oder in die Badewanne giesst, ändert einiges am Ergebnis, doch der Zufall behält das letzte Wort.

 

 

Rezepte der Kunst

Zur Schule gehen, heiraten, mit einer gesunden Familie in einem grossen Haus leben. So sieht der herkömmliche Plan fürs Leben aus. Doch es gibt Aussteiger, Menschen, die nicht nach diesem Rezept leben. Solche Vorlagen gibt es auch in der Welt der Kunst und Filip ist der Aussteiger.

 

"Ginge es darum, mit Rezepten zu kochen und Geglücktes zu wiederholen - klar dann, her mit den Rezepten. Aber in der Wiederholung fehlt das Abenteuer, sie lässt mich eher unbeteiligt. Die Malerei muss in immer neue Gegenden reiten."      Filip Haag, „Improvisation“

Doch ganz uneingeschränkt ist er nicht. Sein Schaffungsprozess sei spontan, er greife aber auf ein Grundrepertoire zurück, denn komplett rezeptfrei gehe es nicht. So kreiert er zwar, wie ein passionierter Koch, aus all dem was da ist, etwas Neues, doch dass man Spaghetti mit Salz und nicht mit Zucker kocht bleibt eine Regel.

 

Er erklärt und veranschaulicht mit Stift und Blatt. In der Mitte beginnen. Das Blatt drehen. Zeichnen, bis er es als fertig empfindet. Manchmal erkennt er sofort, wenn es gut ist. Ein anderes Mal verpasst er den Moment.

 

Ins Auge gehen:

schiefgehen; danebengehen

 

Doch auch wenn mal etwas ins Auge geht, ist das für Filip Haag kein Problem. Vielleicht ist ein Fehler genau das, was ein Bild auszeichnet. Wenn er auf etwas keine Lust mehr hat, dann hört er auf. Er zwingt sich nicht weiter zu malen, zu zeichnen oder zu giessen. Wenn Werke dann „unfertig“ sind, stört ihn das nicht. Im Gegenteil, er findet es spannend, wie die Wirkung eines Bildes ist, das nicht beendet wurde. „Manchmal sind fertige Bilder, in denen alles klar und abgeschlossen ist sogar langweiliger.“, sagt der Künstler.

 

Vom Anfang zum Ende

Er wechselt zwischen Bekannten, Verwandten, Interessierten und Neugierigen, erklärt, lacht und spricht voller Leidenschaft über seine Arbeit als Kunstschaffender. Nur fünf Stunden vorher waren die letzten Vorbereitungen für die Vernissage noch in vollem Gange. Filip musste noch zum Friseur, zum Buchbinder und nach Hause, wo Umzugsstress herrscht – so viel war zu tun und dennoch liess er sich nicht aufreiben. Die Schatten der Bäume tanzten draussen auf der Strasse, auf welcher Haag nun davon radelt. Er ist weg. Und zurück bleibt ein Bild von einem Mann, der sich in einer Welt voller Trubel ruhig hinsetzt, das Blatt dreht wie er will und dann wieder zwei oder zweihundert Striche zeichnet. 

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