Simon Baur

 

Immer wieder tauchen in der zeitgenössischen Kunst Werke auf, die den Eindruck erwecken, als seien sie bewusst darauf hin angelegt, sich nach der Produktion weiter zu entwickeln. Wie Joseph Beuys mit seinen Fettecken, Dieter Rot mit seinen Schokoladegeschichten, Wolfgang Laib mit seinen Milchsteinen und Steiner/Lenzlinger mit ihren Salzkristallen - so hat auch Filip Haag für seine Arbeiten Verfahren entwickelt, die den Anschein erwecken, als würde sich das Motiv langsam bewegen, expandieren, aus der Fläche wuchern, um eines Tages - als Kunstmonster - die Macht über die gesamte Menschheit zu übernehmen. Dabei haben seine Arbeiten nicht im Geringsten mit irgendwelchen Blockbuster-Visionen oder einem metaphysischen Gruseln zu tun, im Gegenteil: es sind biomorphe Gebilde zu erkennen, Sternschnuppen aus galaktischen Urzeiten und altertümliche Landschaften, die an Vieles erinnern, am wenigsten an zeitgenössische Kunst. Und obwohl man sich an Gallé-Vasen, geologische Strukturen, mikroskopische Feinheiten, an chinesisches Feuerwerk, an romantische Sonnenuntergänge, an schwebende Quallen oder fluktuierende Spermien erinnert fühlt, ist Filip Haag kein antiquierter Träumer. Er ist vielmehr einer dieser forschenden Künstler, die ihr Atelier in eine explosive Küche - der Begriff stammt übrigens von Bernhard Luginbühl, auch einer dieser Verwegenen - verwandelt haben, um dort täglich an neuen Verfahren, Systemen und Prozessen zu pröbeln, um schliesslich allen Neugierigen - sofern alle Beteiligten nicht mit einem lauten Knall in die Unendlichkeiten des Alls katapultiert wurden - ihr jüngstes Gericht vorzusetzen. Natürlich setzt er ähnliche technische Mittel wie seine Vorfahren ein, doch hielten sich diese eher an fette und süsse Speisen, während sich Filip Haag den Sulfaten, Sulfiten, Salzkristallen, Salzlösungen und Fotochemikalien verschrieben hat, mit denen er auf Farbfotopapier seine magischen Bilder inszeniert. Egal ob es sich um fotochemische Malerei, um Tusche- und Ölbilder, um Wachs- und Bronzeplastik handelt, der Einsatz der Materialien, das Zusammengehen oder Abstossen von verschiedenen Elementen führt zu teils planbaren, teils zufälligen Lösungen. Am Bauhaus hat der zu Unrecht vergessene Henri Pfeiffer mit solchen Mitteln experimentiert, doch auch von Aquarellen Emil Noldes oder Bildern Georgia O'Keeffes sind solche Resultate bekannt. Sie alle bewegen sich im Gebiet der konkreten Abstraktion, die Dinge erkennen lässt und bisweilen so tut, als handle es sich um fotorealistische Abbildungen oder Sciencefiction, grundsätzlich aber alles in der Schwebe lässt. Mit seinen Arbeiten ermöglicht Filip Haag den Betrachtern in die unergründlichsten Fantasiewelten einzutauchen, ohne je der Gefahr ausgesetzt zu sein, sich in den Täuschmanövern einer Fatamorgana zu verlieren. Eine spannende Reise in reale und doch auch ausser-sphärische Dimensionen ist auf jeden Fall garantiert. 

Basel 2006

 

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