Marc Fehlmann im Gespräch mit Filip Haag

 

Filip Haag entwickelte eine eigenständige Tuschmalerei, die auf delikaten Lavierungen und hauchdünnen Lasuren aufbaut und durch ihre technische Brillanz besticht.

 

MF: In deinem Werk treten prozesshafte Vorgänge als atmosphärische Bilder zwischen Übergang und Auflösung in Erscheinung. Der Fluss zwischen den einzelnen, nicht klar definierbaren Aggregatszuständen der Bildelemente wirkt unbestimmt, natürlich ... Es scheint mir, als seien deine Werke vom Zufall bestimmt. Ist Zufall die Grundlage deiner Kunst?

FH: Ich möchte nicht von Zufall sprechen. Ich will das jeweilige Malmaterial sich selber überlassen, es also in der Weise einsetzen, dass es sich, jedes nach seiner Art und Eigenschaft, formieren kann. Flüssig ist Farbe, damit sie fliessen kann. Wieso sollte ich ihr da willentlich eine Form geben wollen? Ich überlasse sie ihren Eigenschaften - die eigentlich Naturgesetze sind - und bearbeite sie erst nach dem Erstarren.


Welchen Stellenwert hat die «Zeichnung» darin? Deine «Zeichnungen» im traditionellen Sinn werden schliesslich in Flüssigkeit verwischt und aufgelöst, etwa wie im Aquarell ...

Zeichnen heisst den Stift nehmen. Zeichnen greift das Papier an. Malen ist sanfter. Malen heisst, die Bildfläche streicheln - selbst mit Borsten. Ich gehe noch weiter, ich giesse Farbe nur auf. Das erlaubt mir, so paradox es klingt, der Form eine präzisere Zeichnung zu geben. Ein Bild verliert die Handschrift, den Duktus, wenn man es ohne Pinsel malt. Übergänge sind feiner und weniger «gemacht».

Du giesst ja nicht nur; du arbeitest auch mit chemischen Reaktionen, etwa bei deinen fotochemischen Malereien. Wenn du also so alchemistisch tüftelst, experimentierst du da auch mit formalen Problemen?
Alchemie ist es nur, wenn wir alles Wachsen alchemistisch nennen. Experiment ist es immer. Die Form steht immer zuletzt. Erst was erstarrt ist, hat seine Form. Einen laufenden Bildwerdungsprozess unter formalen Aspekten zu beeinflussen, ist nicht möglich, da bewegt sich alles zu rasch. Im anschliessenden Verfahren - aus dem Bildmaterial einzelne Bereiche isolieren und konkretisieren - allerdings ist der experimentelle Aspekt durchaus auch wesentlich.

Dein Werk lässt den Betrachtenden viel Raum für eigene Assoziationen. Treten Assoziationen auch schon im Verlauf des Entstehens auf?
Durch Wegschneiden und Isolieren definiere ich erst in der erstarrten Farbe einen Ausschnitt als Bild, in dem ich die Vorstellung von Welt erkennen kann. Beispielsweise eine «Landschaft» oder eine «Figur». Ein Bildausschnitt, der eine entsprechende Vorstellung nicht fördert, muss vergehen. Er ermöglicht auch dem Betrachter nicht, sich «Welt» vorzustellen.

 

Wann ist ein Werk misslungen?
Wenn es nichts bietet, was diesen Prozess überlebt. Ist alles Unrelevante weggeschnitten, ohne dass etwas übrig bleibt, bleibt auch kein Bild - das Werk ist misslungen. Es gleicht dann einer Zwiebel, die wohl Schichten hat und geschält werden kann, nicht aber einen Kern.

Wenn du den Entstehungsprozess sich selber überlässt, siehst du dann Dinge, die du ausserhalb der Bildfläche nicht wahrnimmst?
Mehr noch: Ich sehe Dinge, die es ausserhalb des Bildes gar nicht gibt - und die man dennoch zu kennen glaubt.


Weshalb malst und zeichnest du nicht mit Farben? Weshalb beschränkst du dich auf Schwarzwerte?

Ich male einerseits zwar schwarz (mit Tusche und Öl oder Acryl). Andererseits aber auch farblos: Werden auf licht- und chemikalienempfindliches Papier Chemikalien aufgetragen, erscheinen im Licht die Farben von selber - sämtliche Farben werden möglich. Buntfarben als solche aufzutragen, habe ich aufgegeben. Das schränkt mich ein, das behindert mich.


Schwarz als «Grundfarbe», besonders aber deine unzähligen Nuancen von Schwarz sind leicht mit Schwermut, mit dem Nächtlichen, mit Vergänglichkeit zu assoziieren. Deine Landschaften sind zum Teil wie von einem Nebel überzogen, unter dem sich so manches zu verbergen scheint, bzw. unter dem einiges ruht. Ist Vergänglichkeit ein bewusstes Element in deinem Tun?

Schwarz ist nicht nur Düsternis und Vergehen, es ist auch Kontrast und Gegengewicht. Wenn ich Schwarz einsetze, so male ich genauso mit Licht, wie wenn ich farblos auf lichtempfindliches Papier male. Im ersten Fall nehme ich Licht weg, im anderen Fall setze ich Licht ein, um Farben einzufangen. Ein Bild malen heisst nicht, der Vergänglichkeit zu huldigen, sondern eher, sie zu überwinden: einen Eindruck schaffen und ihn festhalten. Der angesprochene «Nebel», der in einigen Bildern die Schärfe kontrastiert, ist einfach Spiegel unseres Lebens wie unserer Wahrnehmung: mal scharf, mal unscharf. Melancholie spielt da immer mit hinein, sie meint das Vergebliche allen Tuns, die Vanitas.

 

Deine Bilder evozieren oft trockene, steinige Formationen, über denen Staubwolken oder Nebelschwaden zu liegen scheinen - es sind nicht laute, lebenslustige und schon gar nicht effekthaschende Darstellungen, sondern ernste, stille, melancholische Stimmungen ...
Alles bewegt sich, nur hat alles sein eigenes Tempo. Auch wo es nur einmal pro Jahrzehnt regnet, gibts Rost. Ich will nicht den Menschen darstellen, sondern sein Umfeld, die Existenzgrundlage des Menschen. So kann man es sich vorstellen: Die Bilder können uns die Umwelt aufzeigen, aber sie können uns auch entspringen.

 

Bevorzugst du bestimmte Arbeitsbedingungen für die Entstehung deiner Werke?

Der Bildträger soll flach liegen. «Farbe» soll sich in alle Richtungen ausdehnen können, statt einer Richtung folgen zu müssen. Das ist der einzig nötige Umstand.


Die Formate. Warum?

Tuschebilder bleiben, was sie sind. Sie behalten nur in Tusche, nicht als Reproduktion ihren Originalcharakter. Die fotochemischen Bilder hingegen bleiben auch vergrössert in ihrem Medium. Vergrösserung gibt ihnen in den Augen der Betrachtenden eine andere Präsenz. Die Originale - teils kleiner als eine Briefmarke - verlangen meist ein hohes Mass an Versenkung und überaus gute Augen. Füllen sie, vergrössert, eine ganze Wand, so umgeben sie uns, wir werden im Verhältnis zu ihnen ganz klein. Als Lichtbilder vergrössert, gewinnen sie an Immaterialität, sie brauchen dazu aber einen lichtlosen Raum. Auf Papier vergrössert hingegen und an der Wand finden sie einen Weg in einen Alltag. Beide Wirkungen sind willkommen, sie lassen sich aber leider nicht kombinieren.

 

Eben konnte man in einer Rezension zur Documenta 11 lesen, dass "inhaltslose Bilder" nicht mehr gefragt seien. Es ist doch aber alles relativ, weshalb man sich schon fragen kann, ob wir wie die Lemminge alle paar Jahre den neusten Trends hinterherrennen müssen. Die Zyklen werden schliesslich immer kürzer, die Wertmasstäbe unberechenbarer, und am Ende scheint doch alles manipulierbar? Wie lebt es sich da als Künstler?
In unserer Welt sollte man sich Augenweiden schaffen können. Dann lebt es sich ganz gut - wenn auch nicht in materiellem Sinne. Ich liebe es, zu reimen / und dabei Farben festzuleimen,/ die nie zuvor in einem Bild vereint/- wie man halt eben Malen meint. Dieses mein Gedichtlein spiegelt meine Freude am Bild.

Wo situierst du dich in der aktuellen Kunstszene?
Ich stehe zwischen Stuhl und Bank. Ich gelte nicht als Maler und ich agiere nicht als Fotograf. Ich zeichne, ohne Zeichner zu sein. Meine Bilder sind Plastiken, aber zweidimensionale. Es ist zum Verzweifeln. Und ich freue mich immer über neue Trends: Sind sie endlich da, so sind sie bald vorbei. Zum Glück war ich noch nie involviert. (lacht)
...


Dein grösster Wunsch für deine künstlerische Laufbahn?
Schönes Wetter. Dies natürlich sinnbildlich gemeint: klare Tage, an denen stechend scharf wahrgenommen wird, was sich sonst schwebend über uns legt.

Und sonst? Ein Schlusswort?
Ein Bild findet sich mit der Wirklichkeit ab. 
Ein Bild verhindert so gut wie nichts. 
Ein Bild operiert in Sichtweite. 
Ein Bild erschliesst ungebaute Gebäude. 
Ein Bild verknüpft Parallelen. 
Ein Bild bringt kein Ende in Sicht. 
Ein Bild krümmt die Schlussgerade. 
Ein Bild avanciert auf eigene Faust.

 

in: "Filip Haag . Malen mit Licht" Report Verlag 2002

 

Zurück zu Texte