Berlinde de Bruyckere - GUEST BLOG


Die Häute hängen mit geschliffenen Haken an einfachen Rohrgestellen im Raum. Vielleicht zwölf Stück. Es ist dunkel, die Arbeiten in der Galerie Hauser und Wirth, New York, sind mit Spotlights beleuchtet. Im Nachhinein verstehe ich den erzwungenen Effekt ganz gut, der sich einstellt, wenn man vom heiterhellen Tag unversehens in eine Art künstliche Nacht eintritt. Man muss sich neu zurechtfinden, das Terrain erforschen. Ist es sicher begehbar? Die Lichtinseln bieten hierbei Orientierungspunkte.

Ich nähere mich zuerst dem Vertrautesten, den hängenden Häuten, die ich von Filmen und Bildern aus Schlachthöfen zu kennen glaube. Sie befinden sich gleich in der Verlängerung des Einganges, praktisch. Die Häute weisen eine eindrückliche Länge auf. Von Kühen, wahrscheinlich. Sie sind dunkel, fast schwarz, mit ein paar Schichten Wachs überstrichen. Man kann zwischen den Reihen durchgehen. Ich begnüge mich aber mit einem Blick von ganz nahe…und schnuppere. Nein, sie riechen nicht. Das Wachs scheint auch ein Geruchstopper zu sein. Im Raum gibt es noch drei andere grosse Installationen und eine kleine Serie an Zeichnungen an der Wand (etwa 5 Stück). In einem Durchgang erkenne ich eine Aufsicht, die an die Wand lehnt. Ich entscheide mich, den zweiten Raum zu erkunden, der vielleicht weiter über die inhaltliche Stossrichtung der Ausstellung Auskunft geben wird.

Ich betrete einen langen Raum, gross, in dem ein riesiger Baum liegt. In seiner Form eher einer Krake im Sand mit langen Armen ähnelnd, als, sagen wir mal, einem Obstbaum. Ich überlege mir, wie die Arbeit in die Galerie kommen konnte. Die schieren Dimensionen lassen keinen Transport als Ganzes zu. Ich sehe die mit verblichenen Lumpen verbundenen Äste, die mit Kissen unterlegten Elemente, die an das Wurzelwerk anschliessen. Eine verletzliche ästhetische Erscheinung, auch im Dunkeln, auch von Spotlights erhellt. In der hinteren Ecke, über einer miniaturhaft wirkenden Türe, ein Exit-Zeichen, rot glimmend. Ich nehme meinen iPod heraus und mache ein Foto. Und darauf sehe ich dann, wie das Setting der Ausstellung (Dunkelheit mit hell erleuchteten Objekten) auf die holländischen Stilleben des 17. Jahrhunderts referiert.

Ich gehe zurück in den Hauptraum und stehe vor dem Tisch mit dem ausgestopften Fohlen, die Hufe zusammengebunden, den Kopf mit einem Lumpen verhüllt. Links davon eine altmodisch wirkende Vitrine, mannshoch, wie sie vielleicht in alten Schulhäusern als Schauraum verwendet wurde, darin eingezwängt liegen zwei Pferdeleiber, übereinander, mit einem Lederriemen am Gehäuse verknüpft. Die Köpfe mit naturweissem Filz bedeckt und nachmoduliert, man erkennt das Auge und die Wimpern… In der anderen Ecke ist über einen immensen offenen Stahlkegel eine Kuhhaut gespannt. Ich schaue mir noch die Zeichnungen an und will, beim Hinausgehen, noch jemanden ansprechen. Ich gebe dem jungen Assistenten am Deck ein Kompliment: It`s very impressive!" - "It`s beautiful!" antwortet er. Ich sehe das Portrait von Philip Guston auf einer Karte auf dem Deck: "Oh! You`re doing a show with Philip Guston?" Yeah, it opens tuesday, April 26th. It`s open to the public!"

Ich stolpere die Treppen hinunter und mein Auge bleibt an den schillernden Tapes im Treppenhaus hängen. Nein, "schön" kann man die Ausstellung von Berlinde de Bruyckere nicht nennen. Sie zeigt uns einen existenziellen Kampf, führt uns einen archaischen Menschen vor, der kaum mit der Natur klarkommt, alles zerstört- und dann zu flicken versucht. Nein, richtig wohl ist es einem auch als Betrachter nicht. Any parallels in real life?

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Kommentar :

Ich habe die Ausstellung auch gesehen. Kaum zu glauben, wie tief das Dunkel sein kann und doch sichtbar bleiben - und wie präzise das i-phone-Auge auch sie festzuhalten vermag. FH

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